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Über Schrottimmobilien und ihre Bewohner*innen

27.04.2021

Auf immonet.de wurde kürzlich eine „stark sanierungsbedürftige, aber schöne helle 3-Raumwohnung“ in einer „extravaganten Villa“ im Berliner Umland angeboten. Konkret handelt es sich um ein völlig verfallenes Haus, in dem sich bis unter die Zimmerdecke sämtliche Hinterlassenschaften des Vormieters stapelten. Man suche Mieter, „die anpacken können“. Bei Mietangeboten dieser Art spricht man landläufig von Schrottimmobilien.

 Der Begriff Schrottimmobilien wurde in den Neunzigerjahren geprägt, als der steuerlich subventionierte Bauboom zum Run auf Immobilienfonds geführt hat. Einige sogenannte „Strukturbetriebe“, unseriöse Anlagevermittler, haben ihre Chance gewittert und auch Interessent*innen mit sehr geringem Eigenkapital zu Immobilienanlagen überredet. Angeblich zum Steuersparen und als Investition in die Zukunft. Verkauft wurden aber oft schwer vermietbare Wohnungen, deren Sozialbindung abgelaufen und die unsaniert waren. Banken haben an den Finanzierungen für diese Käufe gut verdient, die Käufer haben Verluste gemacht. Geld für Sanierungen war da natürlich nicht übrig.

 Die Immobilien wurden im Laufe der Jahre zurück auf den Markt gespült, ein gefundenes Fressen für SpekulantInnen, die aus angespanntem Wohnungsmarkt, Migration und fragiler Rechtsposition von Migrant*innen ein äußert gewinnbringendes Paket schnürten: Die Vermietung an Menschen, die sich Widerständigkeit nicht leisten können. Sehr häufig betrifft das Migrant*innen ohne Alternative auf dem Wohnungsmarkt, mit Sprachschwierigkeiten, Problemen mit ihrem Aufenthaltsstatus etc. Die eigentlichen Immobilienbesitzer sind selten greifbar, die einzige Kontaktperson der Mieter*innen ist oft eine Art Hausmeister. Repariert oder instandgesetzt wird nur das Allernötigste, wenn überhaupt. Der Deutschlandfunk, der bereits mehrere Beiträge zum Thema gesendet hat, berichtete im August 2020 von Ungeziefer in den Wohnungen, kaputten Fenstern und Heizungen, Schimmel und Wänden, die einzustürzen drohen.

 Beliebt scheint auch eine extra perfide Idee: Die Wohnungen werden nicht komplett, sondern pro Schlafplatz vermietet. Besonders lukrativ ist das bei Arbeitsmigrant*innen aus Südost-Europa, die ohne Familie kommen und auf dem sog. Arbeiterstrich, dem Anbahnungsort für Tagelöhner-Beschäftigungen, zu Billiglöhnen arbeiten. Der Tagesspiegel berichtete im September 2020 von einem Fall in Berlin, wo pro Schlafplatz in einem stark sanierungsbedürftigen, hallenartigen Gebäude 250 € kassiert wurden. Bei 23 BewohnerInnen, Männer und Frauen aus Ostrumänien, betrug der Umsatz damit 5750 €, der Reingewinn abzüglich aller Kosten 4500 € pro Monat. Eine Goldgrube. Die Mieten werden fast immer bar kassiert, was die Nachverfolgbarkeit umso schwieriger macht, von der Versteuerung der Einnahmen gar nicht erst zu reden. Neuköllns Integrationsbeauftrage Güner Balci spricht in dem Artikel von „enthemmter Geschäftemacherei mit den Ärmsten“.

MuellMuseum_Soldiner_Kiez_Verlebte_wohnung
MuellMuseum_Soldiner_Kiez__Treppenhaus

Schrottimmobilien dieser Art gibt es in vielen deutschen Städten, u.a. im Ruhrgebiet und in Berlin. Dort sollen es nach Recherchen des Deutschlandfunks etwa 70 sein, in denen vor allen Menschen aus Osteuropa leben. In den Städten gibt es zahlreiche Behörden, die für den kommunalen Umgang mit Problemimmobilien zuständig sind, darunter das Wohnungsaufsichtsamt, das Bauordnungsamt, das Gesundheitsamt etc. Rücken diese Ämter aufgrund von Hinweisen zur Kontrolle der Häuser an, erscheint fast automatisch auch der Zoll zur Aufdeckung von Schwarzarbeit. Die auf dem „Arbeiterstrich“, aber auch bei langfristigeren Beschäftigungen von rumänischen oder bulgarischen Arbeiter*innen wohl eher der Normalfall als die Ausnahme sein dürfte. Die Angst vor Job- und Wohnungsverlust ist bei den Bewohner*innen mindestens genauso groß wie die Verzweiflung über die Wohnverhältnisse. Eine Patt-Situation.

 Im „Handlungsleitfaden Problemimmobilien“, die die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen im Oktober 2020 veröffentlich hat, wird bei der Diagnose für vermietete Problemimmobilien als erstes genannt: „Hier kommt es oftmals zu Belästigung der Nachbarschaft durch Lärm, Müllablagerungen etc.“ Was übersetzt bedeutet: Der Wohnwert des Viertels und damit die erzielbaren Mieten sinken. Schlecht für InvestorInnen und die Aussicht auf wohlsituierte MieterInnen im Viertel. Natürlich sind diese Schrottimmobilien oft verdreckt, das ist wenig überraschend. Sehr viele Menschen auf engem Raum erzeugen mehr Müll als zwei Leute auf 100 qm. Bei den Zumutungen angesichts der desaströsen Wohnsituation geht es aber nur noch ums Klarkommen, da bleibt keine Energie für Urban Gardening und Kehrwoche.

 Der Begriff „Schrottimmobilien“ bezeichnete ursprünglich Immobilienanlagen, die nicht eingebracht haben, was sich der Investor erhofft hat. Man hatte „Schrott gekauft“. Heute bedeutet es für die BewohnerInnen, in einem Schrotthaufen zu wohnen und den Investoren bei einer schamlosen Bereicherung auf ihre Kosten zusehen zu müssen.

 

 

 

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Text von Susan Geißler