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Ein Bewusstseinswandel würde sich lohnen

02.03.2021

Über fünf Jahren war Frau Veronika Krötke als Pfarrerin im Soldiner Kiez tätig, hat sich intensiv dafür eingesetzt, dass die Stephanuskirche ein Ort des Zusammentreffens für Jung und Alt geworden ist. Für das Müll Museum Soldiner Kiez hatte sie von Beginn an ein offenes Ohr und Herz. Wir bedanken uns für die tolle Zusammenarbeit und freuen uns über ein letztes Interview mit Frau Krötke, die am vergangenen Sonntag als Pfarrerin aus der Pflicht entlassen wurde.  
von Lena Reich

Frau Krötke, Sie haben nun fünf Jahre im Soldiner Kiez verbracht. Hand aufs Herz: Hat Sie der Müll hier sehr gestört?
Ja, total 😉

Als Kind sind Sie in der DDR aufgewachsen, wo es bereits sehr früh ein Pfandsystem gegeben hat. Haben Sie Erinnerungen an das Müllsammeln, um Glas, Schrott & Co an der SERO-Annahmestelle abzugeben?
Klar. Der Altstoffhandel war Teil des Alltags. Flaschen sammeln und Zeitungen stapeln, einschnüren und wegbringen gehörte selbstverständlich dazu. Das war immer eine irre Schlepperei. Aber es gab ja ein bisschen Geld dafür und so konnte ich mein Taschengeld etwas aufbessern.

Steht Müll auch für den Westen?
Das kann ich nicht abschließend beurteilen, denn auch der Osten vermüllte – vielleicht auf etwas andere Weise. Aber der sichtbare Müll, die Wegwerfmentalität, das verbinde ich schon mit dem Westen. Alles, was jetzt so en vogue ist, gab‘s sowieso: Reparieren, Tauschen, Ausbessern, Selber Nähen, Klamotten weitergeben; immer ein Einkaufsnetz dabei, Papiertüten, wenn überhaupt, am Gemüsestand, Brause und Milch in Flaschen. Das hatte ich alles schon und wundere mich manchmal, dass das wie so ein bisschen neu erfunden werden muss.

Eine Freundin erzählte mir, dass sie durch die BRAVO aufgeklärt wurde, die sie auf den Westhalden in Ost-Berlin geklaut hat. Was können wir aus unserem Müll lernen?
Ich bekam die BRAVO im Koffer meines Vaters mitgeschmuggelt, wenn er von seinen Dienstreisen aus dem Westen wiederkehrte. Ob nun von der Müllhalde oder so – es blieb die BRAVO. Für Pubertierende war sie damals ersehnte freiheitliche, wohlriechende West-Welt. Madonna, Depeche Mode und Dr. Sommer. Mehr eine Traumgeschichte. Dass das alles inhaltlich vielleicht nur Fassade oder schrottig ist, das spielte bei 15jährigen keine Rolle.
Wie heute bei vielen Jugendlichen auch. Müll spiegelt also durchaus unsere Lebenszeit wieder. Und wie wir uns in ihr verortet haben.

Bei all der Diskussion über den Klimawandel, Plastikmüll und Fluchtursachen. Was würden Sie ändern, um die Welt zu retten?
Meeresbiologie studieren und über die Meere fahren, um Wale, Fischvorkommen und Meeresfauna zu retten. Vielleicht geht das auch ohne so ein Studium. Aber das ist meine große Sehnsucht, ein inniges Anliegen, so lange ich denken kann. Mich auf den Weg machen, um die Not an den verschiedenen Orten überhaupt richtig zu sehen und zu verstehen.
Ich denke viel an die Kinder auf Lesbos, die in den Flüchtlingslagern unter schrecklichsten Bedingungen leben. Und wie umständlich es auch hier ist, ein Kind aufzunehmen.
Wenn ich könnte, würde ich gerne mehr in die Welt und dort anpacken, wo ich gebraucht werde. Meine Angst überwinden und es einfach machen. Ich hoffe sehr, dass es mir noch gelingen wird. Vieles andere spielt sich im Alltag ab. Sich schrittweise zu reduzieren, einen eigenen Bewusstseinswandeln herbeiführen und mit den Kindern danach leben. Das ist auch für mich keine leichte Aufgabe. Aber eine, die sich lohnen wird.

Frau Krötke Pfarrerin Stephanuskirche
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Naturkatastrophen sind auch Themen der BIBEL. Nach der großen Sintflut, die Gott als Strafe hat niederregnen lassen, opfert er seinen Sohn für die Menschheit: Christus. Was würde die Theologin in Ihnen sagen: Wieso ist es so schwer, im echten Leben anders zu handeln?  
Weil es immer mit der Aufgabe von Sicherheiten zu tun hat, wenn ich anders leben und handeln will. Gewohnte Bahnen geben Stabilität und Halt. Alle Veränderung ist mit Ängsten verbunden. Anders zu sein und zu denken ist unbequem. Gesellschaftliche Codes zu durchbrechen erfordert Kraft und Zähigkeit. In Zeiten der Selbstoptimierung wird besonders deutlich, wie wenig wir aus der Rolle fallen wollen und nur noch verschämt unsere Eiernudel futtern. Und auch bei der Sprachgenderdebatte wird deutlich: Das Neue wird von vielen Seiten verteufelt. Wie können Frauen nur als Frauen sprachlich erkennbar sein? Das sind Diskurse, die in Urgründe führen.

Welche Urgründe?
Alle Veränderung, alles widerständige Handeln braucht Zeit und Mut und kostet Überwindung. Auch im Hinblick auf den Erhalt der Schöpfung. Darin unterscheiden sich Christ*innen nicht von anderen Menschen, weil niemand von uns vollkommen ist. Menschsein ist „Stückwerk“, Fragment. Wir können aber versuchen, aus unseren Fehlern zu lernen und es besser oder wieder gut zu machen. Die Bibel selbst ist angefüllt mit Geschichten, in denen die von Gott berufenen Propheten erstmal weglaufen und die von Gott gegebenen Aufgabe nicht übernehmen wollen. Das ist Teil des Menschseins. Und dann hat Gott sie doch geführt und geleitet. Niemand hat gesagt, dass es leicht wird. Auch Gott nicht.

Während im vergangenen Jahr die BSR mit Sperrmülltagen für mehr Sauberkeit im Kiez gesorgt hat, wurden andere Orte durch Engagement und Wirtschaft, wie z.B. die Speisekammer aufgehübscht. Welche Idee hatten Sie für den Raum rund um die Stephanuskirche?
Den Garten miteinbeziehen. Das gesamte Areal rund die Stephanuskirche an der Soldiner Straße entlang. Familien, Ältere, Singles und andere Kulturen und Religionen wie in einem befriedeten Großraum bei Kaffee und Kultur zusammenbringen. Jesus saß häufig zu Tisch im Gespräch oder lud sich bei anderen ein. Gastfreundschaft also im großen Stil, zugängliche Orte der Begegnung. Mit dazu beitragen, dass alle sich im Soldiner Kiez wohlfühlen und Ruhe und Fröhlichkeit entsteht in und um die Kirchenmauern.

Die Kirche bedarf dringend Sanierung. Andere Stimmen sagen, sie würde vermüllen. Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Zukunft?
Ich hatte immer die Idee der Kirche als multifunktionalen Begegnungsort. Offene Kiezkirche für Konzerte, Versammlungen, diakonische Projekte, Bildungsarbeit, interreligiösen Austausch und hin und wieder Veranstaltungen der Gemeinde, aber auch Museen, Spielplatz, Bibliothek oder Konzerthaus. Es muss auch etwas sein, dass die Kirche mit laufenden Kosten erhält und bewirtschaftet. Für mich ist die Zukunft immer prozesshaft. Wer weiß schon, wie sich der Kiez weiter entwickeln wird? Als Pfarrerin und ausgebildete Hotelfachfrau, die ich ja auch bin, hat mich immer eine Herberge fasziniert: für alle aus der ganzen Welt.

Frau Krötke, wir danken Ihnen für das Gespräch, die Zusammenarbeit und wünschen Ihnen für die Zukunft von Herzen viel Glück!

ABOUT LENA REICH

Lena ist Journalistin und Gründungsmitglied des Müll Museums. Sie schreibt, initiert und setzt sich leidenschaftlich für die Bildung von Kindern und Jugendlichen – nicht nur im Kiez – ein.